«Als Genossenschaft haben wir eine besondere Verantwortung»
Auf einstimmigen Vorschlag des Verwaltungsrats der Bank WIR hat die Generalversammlung Germann Wiggli zum Präsidenten des Verwaltungsrats gewählt. Der in Seewen wohnhafte 60-jährige Solothurner ist mit der WIR Bank Genossenschaft stark verbunden.
Germann Wiggli ist seit 2019 Mitglied des Verwaltungsrats der Bank WIR und seit 2023 deren Vizepräsident. Ausserdem ist er Präsident der Audit & Risk Committee. Wiggli ist seit 1993 in der Bank WIR tätig und hat von 2006 bis 2019 als Vorsitzender der Geschäftsleitung die Geschicke der Bank entscheidend mitgeprägt. Unter seiner Führung entwickelte sich die Schweizer Genossenschaftsbank von der Nischenanbieterin zur schweizweiten Dienstleisterin in den Bereichen Anlegen, Zahlen, Sparen, Vorsorgen und Finanzieren. Dank der Beteiligung am Fintech VIAC wurde während seiner Amtszeit als CEO die erste 100% digitale Vorsorgelösung der Schweiz lanciert. Als neuer Präsident des Verwaltungsrats tritt Germann Wiggli die Nachfolge des Luzerners Marc Reimann an, der infolge Amtszeitbeschränkung aus dem Gremium ausschied.
Inwiefern kommt dir deine frühere Tätigkeit als Kreditchef und CEO und anschliessend als Mitglied des Verwaltungsrats der Bank WIR in deiner neuen Rolle als Verwaltungsratspräsident zugute?
Germann Wiggli: Meine langjährige Tätigkeit auf verschiedenen Führungsebenen der Bank WIR und vor allem im Kreditgeschäft kommt mir in meiner neuen Funktion sehr entgegen. So bildet das Hypothekargeschäft weiterhin die grösste Position auf der Aktivseite unserer Bilanz.
Wo liegen die Stärken des Verwaltungsrats in seiner neuen Zusammensetzung?
Auch im neu zusammengesetzten Verwaltungsrat sind Persönlichkeiten mit verschiedenen Ausbildungen und beruflichen Tätigkeiten vertreten, welche es für eine erfolgreiche Zusammenarbeit im Aufsichtsgremium unseres Unternehmens benötigt. Jedes Mitglied kann sich aufgrund seiner Fähigkeiten bestens im Gremium einbringen.
Die Bank WIR hat sich in den letzten Jahren verändert, die Rolle der Komplementärwährung WIR sinkt. Fintechs schiessen aus dem Boden wie Pilze. Wo stehen wir nach all diesen Veränderungen im Markt, und wie siehst du unseren Platz im Schweizer Bankenmarkt?
Seit 1993 darf ich bei der WIR Bank Genossenschaft tätig sein. Und sie hat nicht erst in den letzten Jahren, sondern schon seit Ende der 90er-Jahre die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft gestellt. Etwa mit dem sukzessiven Ausbau der Geschäftsfelder wie dem Zinsdifferenzgeschäft im CHF-Bereich, verbunden mit dem Ausbau der Produktepalette im Bereich der Kundengelder mit der attraktiven Kontoführung, dem Sparen und dem Vorsorgen. Sowohl der Privat- wie auch der Geschäftskunde im KMU-Bereich findet heute eine ausgezeichnete Produktepalette für seinen persönlichen Bedarf und kann die Bank WIR als Hausbank und Erstbankbeziehung nutzen.
Fintechs darf man als Bank nicht einfach als Konkurrenz ansehen. Sie sind zum Teil disruptiv und als Vorreiter unterwegs, wenn sie den Nerv der Kunden treffen, zum Beispiel bezüglich der Einfachheit bei der Nutzung des Angebotes – sprich digitales Erlebnis –, tiefer Produktekosten und hoher Skaleneffekte. Einige schaffen dies, die meisten verschwinden wieder: Die Hürden für den Markteintritt sind hoch, denn die Auflagen für die Erlangung der entsprechenden regulatorischen Vorgaben kosten sehr viel Zeit und Geld. Dank der Kooperation mit dem sehr erfolgreichen Fintech VIAC – der ersten volldigitalen Vorsorgelösung der Schweiz – profitieren unsere Kunden und die Bank von einer entsprechenden Angebotserweiterung im Wertschriften- und Vorsorgesparen.

Germann Wiggli ist der neue Verwaltungsratspräsident der WIR Bank Genossenschaft. Foto: Raffi Falchi
Wie siehst du die längerfristige strategische Ausrichtung der Bank unter deiner Führung als Verwaltungsratspräsident?
Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung beobachten den Markt und das regulatorische Umfeld laufend. Wie bereits erwähnt, decken wir mit unserem Produkte- und Dienstleistungsangebot den Hauptbedarf unserer Kunden und potenziellen Neukunden schon ab. Ein wichtiges Ziel bleibt es, den Markt mit unseren Angeboten und Versprechen weiter zu durchdringen.
Welche Schwerpunkte wirst du in den nächsten Jahren setzen?
Als genossenschaftlich organisierte Selbsthilfeorganisation von Handels-, Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben des Mittelstandes und eine der Allgemeinheit offenstehenden Bank sind wir im Umfeld der kleinen und mittleren Unternehmen der Schweiz und der Privatkunden tätig. Das Geschäftsgebiet ist die ganze Schweiz. So können wir ohne räumliche Begrenzung – dies im Gegensatz zu Regional- oder Kantonalbanken – weiterhin wachsen. Selbstverständlich sind in erster Priorität die digitalen Möglichkeiten zu nutzen. Zudem eignen sich die Angebote von VIAC und von unseren Kooperationspartnern hervorragend, um unsere Diversifizierungsstrategie weiter zu verfolgen.
«Ein Ziel ist die Verdoppelung der Anzahl Genossenschafter.»
Wie willst du den genossenschaftlichen Gedanken in Zukunft stärken?
Wir fühlen uns in der Rechtsform der Genossenschaft sehr wohl und sind damit den Stakeholdern verpflichtet. Um die Kundenbindung zu stärken, ist die Verdoppelung der Anzahl Genossenschafterinnen und Genossenschafter in den nächsten Jahren ein Ziel.

Welche Verantwortung haben wir als Genossenschaftsbank im aktuellen Umfeld?
In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit haben wir als Genossenschaftsbank eine besondere Verantwortung. Unser Fokus liegt nicht auf der Gewinnmaximierung, sondern auf der Förderung der Mitglieder und der lokalen Wirtschaft. Das bedeutet, dass wir uns für eine nachhaltige und faire Finanzierung einsetzen, auch wenn die wirtschaftlichen Bedingungen schwierig sind.
Welche regulatorischen Entwicklungen siehst du als die grössten Herausforderungen für Genossenschaftsbanken in der Schweiz?
Die Entwicklungen betreffend der Eigenmittelvorschriften «Basel III final» oder die sich laufend verschärfenden Liquiditätsvorschriften der Schweizerischen Nationalbank beschäftigen die Genossenschafts- wie auch die übrigen Banken in der Schweiz im Moment sehr. Die Genossenschaftsbanken sind davon nicht mehr, aber auch nicht weniger betroffen.
«Die Firmenkunden sind unsere Kunden der ersten Stunde, die wir weiterhin pflegen und qualitativ ausbauen wollen.»
Welche Chancen und Risiken zeichnen sich für uns als WIR Bank Genossenschaft ab?
Die Genossenschaft ist eine Rechtsform, die sich für Personen oder Unternehmen eignet, die gemeinsam wirtschaftliche oder soziale Interessen verfolgen möchten. Der Fokus liegt dabei auf der Förderung und wirtschaftlichen Selbsthilfe der Mitglieder. Dabei sehe ich im heutigen Umfeld eher Chancen als Risiken, um bei den potenziellen Kunden der kommenden Generationen punkten zu können. Mein Eindruck ist, dass jüngere Menschen wieder mehr Wert auf Solidarität, Gemeinschaft und kollektive Werte legen. Sie engagieren sich in gemeinnützigen Organisationen oder für soziale Gerechtigkeit. Ein ähnlicher Trend spiegelt sich in der Arbeitswelt wider. Unternehmen, die eine gesunde Work-Life-Balance sowie eine Kultur der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Respekts pflegen, sind besonders attraktiv für diese neue Generation.

Gemeinsame wirtschaftliche Interessen – damit ist auch das WIR-System angesprochen. Wie siehst du dessen Zukunft vor dem Hintergrund des anhaltenden Umsatzrückgangs?
Das WIR-System entstand unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts und war eine geniale Erfindung im Sinne der wirtschaftlichen Selbsthilfe für die kleinen und mittleren Unternehmen in der Schweiz. Die günstige Refinanzierung durch WIR-Kredite zu anfänglich 1 und später 1,75 Prozent spielte die herausragende Rolle in einem Umfeld von historisch hohen Zinsen in der Grössenordnung von 5 bis zum Höchststand von 8 Prozent für eine variable CHF-Hypothek 1993. Dieses Umfeld ist inzwischen definitiv Geschichte, und wir bewegen uns erneut in Richtung Negativzinsen. Somit ist der Motor der WIR-Geldmengenschöpfung erlahmt. Auch die Reduktion der im Schweizer Wirtschaftsbereich tätigen KMU im sekundären Sektor führt zu einer Abnahme der Nutzer im WIR-Bereich. Wir betreiben das System jedoch weiterhin und durchdringen dieses Kundensegment mit unseren CHF-Produkten und Dienstleistungen sehr erfolgreich, insbesondere auch im Kreditbereich.
Wie stellt die Bank sicher, dass die Bank nah an den Bedürfnissen der Kunden und Kapitalgebenden bleibt?
Wichtige Arbeitsinstrumente der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrats sind die regelmässige Messung der Produktenutzung unserer Kunden, die Marktbeobachtung und Kundenumfragen.

Seit dem Einstieg ins Schweizerfrankengeschäft vor 25 Jahren macht die Bank WIR mit ausgezeichneten Konditionen in den Bereichen Sparen und Vorsorgen von sich reden. Wird das so bleiben?
Für eine im Finanzierungsbereich tätige Bank ist die Refinanzierung ein sehr wichtiger Bestandteil. Daher ist es unumgänglich, mit einem ansprechenden Angebot bestehende Kunden weiterhin zu halten und neue Kunden zu gewinnen. Wir konnten und werden jedoch nicht laufend den ersten Platz besetzen, wollen aber langfristig einer der nachhaltigsten Anbieter bleiben. Ein Beispiel ist unser Bankpaket top, das jüngst punkto Gebühren vom Vergleichsdienst moneyland.ch zum günstigsten Angebot gekürt wurde – noch weit vor den Angeboten der viel gerühmten Neobanken.
Der Ausbau zu einer Hausbank wurde nach der Öffnung für die Allgemeinheit um die Jahrtausendwende ursprünglich nicht angestrebt. Wieso der Sinneswandel? Ist eine Universalbank das Ziel?
Hier spielen die Digitalisierung und der Tätigkeitsbereich eine entscheidende Rolle. Die Digitalisierung gab uns die Instrumente in die Hände, um die bestehende und potenzielle Kundschaft einfacher und kostengünstiger zu erreichen. Und betreffend dem Geschäftsgebiet kennen wir keine statutarischen Einschränkungen. Eine Universalbank werden wir deshalb jedoch nicht werden.
«Wichtige Arbeitsinstrumente der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrats sind die regelmässige Messung der Produktenutzung unserer Kunden.»
Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die Organisation der Bank?
Veränderungen gibt es in der Arbeitswelt immer. So bieten sich durch die Digitalisierung und die Anwendung von künstlicher Intelligenz potenziell neue Möglichkeiten für effizientere Arbeitsweisen. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass weniger Personal beschäftigt wird. Jedoch wird sich – wie auch schon in der Vergangenheit – das Anforderungsprofil an die Mitarbeitenden anpassen.
«Die Digitalisierung gab uns die Instrumente in die Hände, um die bestehende und potenzielle Kundschaft einfacher und kostengünstiger zu erreichen.»
Wie wichtig sind die Firmenkunden in Zukunft vor dem Hintergrund des Ausbaus des Privatkundengeschäfts?
Die Firmenkunden sind unsere Kunden der ersten Stunde. Sie sind für uns weiterhin eine sehr interessante Kundenschicht, die wir weiterhin pflegen und qualitativ ausbauen wollen.
Germann Wiggli: Kurz und bündig
Die drei grössten Herausforderungen für die Bank WIR im aktuellen Umfeld sind in den Augen von Germann Wiggli…
• …die Verjüngung der Kundenstruktur
• …die Steigerung der Kundendurchdringung
• …die steigenden regulatorischen Anforderungen
Und die drei grössten Stärken der Bank WIR sind…
• …die Solidität der Genossenschaftsbank
• …das schweizweite Tätigkeitsgebiet
• …der ansprechende Digitalisierungsstand







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