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Vermando AG: Doppelspitze mit Bodenhaftung

15 min.
PR und Corporate Communication der Bank WIR

von Volker Strohm

22 Beiträge

Die Plattform HausHeld.ch vermittelt Handwerker an Hauseigentümer mit Renovationsbedarf. Welche Pläne haben die beiden Co-CEO des Unternehmens? Wo hat PropTech-Digitalisierung ihre Grenzen? Ein Besuch in Appenzell-Ausserrhoden.

Die Nebeldecke hängt tief – bei der Fahrt von Gossau hinauf nach Herisau. Die Stimmung ist nicht bedrückend, eher mystisch. Und die Architektur des Kantonshauptorts führt einen wenig später zurück in die Vergangenheit. Obwohl sich beim Termin heute alles um die Gegenwart und vor allem die Zukunft drehen wird.

Die schwere Lifttür fällt ins Schloss. Mit im Warenlift: Claudius Habisreutinger und Paul Preiss, zwei Schulfreunde. «Wir kennen uns schon seit über einem Vierteljahrhundert», sagt Preiss. 2018 führt auch der berufliche Weg die beiden zusammen – seit diesem Frühjahr sind sie beide Co-CEO der Vermando AG. Das 2016 gegründete PropTech-Start-up hat seine Büros in einem Gebäude, das einst Teil des in Herisau florierenden Textilgewerbes war. Überdimensionierte Warenlifte als Zeitzeugen. In den Räumlichkeiten aber: Computer-Bildschirme an Stelle der Produktionsmaschinen.

Der Standort Herisau ist kein Zufall. «2010 bin ich beruflich zur Universität St. Gallen gekommen und konnte später das Ostschweizer Gründerzentrum Startfeld mit aufbauen», erklärt Habisreutinger. Der Sprung nach Appenzell-Ausserrhoden begründet sich durch seine Lebenspartnerin, die bereits in Herisau lebte. «Ein sehr guter Standort», schwärmt auch Preiss. Alles liegt nahe beieinander. Und auch die Hochschulen in St. Gallen sind nur zwei S-Bahn-Stationen oder gut zehn Minuten Fahrzeit entfernt – unter anderem dort lassen sich potenzielle Mitarbeitende rekrutieren.

Vermando AG

«Man muss sich bewusst sein, dass man zu Beginn nur Zeit und Geld investiert – und keinen Lohn erhält.»

Claudius Habisreutinger

Die angesprochene Gründerinitiative «Stiftung Startfeld» war auch einer der ersten Vermando-Investoren. Habisreutinger spricht in diesem Zusammenhang von einer Initialzündung, die das Förderpaket ausgelöst habe. Trotzdem bleibt eine Firmengründung auch ein Risiko. «Schon mein Grossvater war Unternehmer», erzählt Habisreutinger, «mich hat das immer fasziniert. Es ist ein Privileg, selbstbestimmt arbeiten zu können. Aber man muss sich auch bewusst sein, dass man zu Beginn nur Zeit und Geld investiert – und keinen Lohn erhält.»

Und Preiss, ursprünglich theoretischer Physiker, dann in der Unternehmens- und Strategieberatung tätig, stellt die Gegenfrage: Was ist aus heutiger Sicht ein sicherer Job? «Selbstständig etwas aufzubauen, ist auch eine Charakterfrage: Man will ins Risiko, weil man das Gefühl hat, etwas tun zu müssen, weil man in der Arbeit aufgehen will.»

Die Idee von Vermando, die Vermittlung von Handwerksbetrieben an Hauseigentümer, die Renovationsbedarf haben, entstand Ende 2015. «Schon im Studium bereitete es mir Freude, Businesspläne und Konzepte auszuarbeiten.» Dass es letztlich thematisch ausgerechnet der Bereich Hauseigentum wurde, hat durchaus pragmatische Gründe. «Im Zuge unserer Analysen stellten wir fest, dass das Thema Digitalisierung im Handwerk in der Schweiz eine grüne Wiese war.» Mit 21000 Franken ging es los; «zuerst ohne Investoren», wie Habisreutinger erzählt. Das ursprüngliche Gründertrio ergänzte sich gut: Vertrieb. Technik. Finanzen und Strategie.

Angefangen hat alles mit FensterKaufen.ch – getreu dem Lean-Start-up-Ansatz «klein beginnen und schauen, ob es funktioniert». Funktionieren hiess in diesem Fall: Gibt es überhaupt eine Nachfrage bei Hauseigentümern, die Sanierungsbedarf haben? Wollen Handwerker, dass der Kontakt zu potenziellen Kunden über ein Portal hergestellt wird? Und sind sie bereit, dafür eine Vermittlungsprovision zu bezahlen? «Das hat erfreulicherweise sehr gut geklappt, schon rasch sind neue Bereiche wie Bad oder Küche hinzugekommen», sagt Habisreutinger.

Vermando AG

«Handwerker können mit uns die Digitalisierung nutzen und Vorbehalte oder gar Ängste abbauen.»

Paul Preiss

Daraus resultierte 2018 die übergreifende Plattform HausHeld.ch – neue Investoren, sogenannte «Business Angels» stiessen dazu. Und dank des Einstiegs der WIR Bank 2020 als Smart Investor ergeben sich nun Synergieeffekte. Die KMU-Handwerksbetriebe profitieren als HausHeld.ch-Neukunden vom Startpaket, dass die ersten 1000 Franken für Vermittlungen mit 100 Prozent WIR bezahlt werden können – danach gilt ein Annahmesatz von 20 Prozent (Details siehe hausheld.ch/wir).

Das Vermando-Team mit einer Doppelspitze funktioniert sehr gut: «Wir haben teilweise ähnliche, dazu aber auch sehr viele ergänzende Fähigkeiten», sagt Habisreutinger. Laufend werden Zukunftsthemen diskutiert – seien es neue Plattformen wie der HausPilot.ch, der das ganze Renovationsmanagement für Hauseigentümer übernehmen soll, seien es weitere Ausbauschritte beim HausHeld.ch, der die sogenannte Customer Journey für Hauseigentümer und Handwerker noch besser machen soll.

Gibt es Grenzen? Schliesslich findet der Austausch eines Fensters dann immer noch von Hand statt. Preiss fällt kurz in seine Rolle als Unternehmensberater zurück: «Bei einer Wertstromanalyse zwischen demjenigen Zeitpunkt, an dem ein Hauseigentümer merkt, dass er etwas renovieren muss, bis zum After-Sales nach erfolgter Handwerksarbeit nimmt die tatsächliche Wertschöpfung nur einen ganz kleinen Teil ein: nämlich dann, wenn, um beim Beispiel zu bleiben, ein Fenster tatsächlich eingebaut wird.» Dies ist der einzige Moment, der sich nicht digitalisieren lässt. Aber freut sich der Handwerker aufs Rechnung schreiben? Und der Hauseigentümer auf die ganze Bürokratie? «Nein», liefert Preiss die Antwort selbst. «Und genau hier wollen wir erleichtern.» Wertschöpfende Tätigkeiten bleiben beim Menschen, unterstützende Tätigkeiten werden, wo immer möglich, digitalisiert. «Nicht von heute auf morgen», so Preiss, «aber Handwerker können mit uns die Digitalisierung nutzen und Vorbehalte oder gar Ängste abbauen.»

Vermando AG

«Vermando digitalisiert die Sorgen von Hauseigentümern weg – aber es gibt auch Grenzen.»

Claudius Habisreutinger und Paul Preiss

Soll sich das Fenster nicht selbst melden, wenn es renoviert werden soll? Smart Home? «Warum», fragt Preiss – und verweist auf den HausPilot.ch, der im kommenden Jahr lanciert wird. «Wenn ich weiss, dass in 90 Prozent aller Fälle ein Fenster nach x Jahren ersetzt werden muss, brauche ich doch keinen Sensor zu verbauen.» Und genau diese Expertise fliesst in die neue Plattform, quasi einem digitalen Zwilling des Gebäudes ein, und erinnert den Hauseigentümer an seinen Handlungsbedarf. «Nicht zu komplex werden», lacht Preiss.

Noch ist in der Schweiz viel Basisrenovierungsbedarf vorhanden. Doch beide betonen unisono, dass dabei der Hauseigentümer die Digitalisierung nicht übertreiben dürfe. «Wichtiger sind Themen wie energetisches Sanieren oder die Optimierung der Haustechnik», so Habisreutinger – und genau hier kommen die Vermando-Plattformen ins Spiel. Unter dem Fachbegriff PropTech wird die gesamte digitale Transformation in der Immobilienbranche zusammengefasst. «Es gibt eine ganze Palette an jungen Unternehmen, die den Markt bewegen», sagt Habisreutinger, «wir sind ein Teil davon.»

Wie denn die Schlagzeile Ende 2021 lauten könnte, wollen wir noch wissen. «Vermando hat die Sorgen von Hauseigentümern weg digitalisiert», sprudelt es aus Preiss heraus. Nach einem kurzen Zögern lachen beide. «Es gibt auch Grenzen», antwortet Habisreutinger – und setzt dann aber zu einer Ergänzung an: «Wir könnten bei einer Zusammenführung der verschiedenen Ökosysteme gut die Rolle des Aggregators einnehmen.» Innovative Ideen und Bodenhaftung in einem sich rasant verändernden Umfeld halten sich die Waage. Die schwere Lifttür fällt ins Schloss. Textilgeschichte war gestern.

Fotos: Henry Muchenberger

Die Gründer und Co-CEO

Claudius Habisreutinger wuchs am Bodensee auf und zog nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften nach St.Gallen. Dort wirkte er unter anderem als Mitglied der Geschäftsleitung beim Aufbau eines Ostschweizer Gründerzentrums mit. Parallel zu dieser Tätigkeit promovierte er am KMU-Institut der Universität St.Gallen. In der VermandoGeschäftsleitung verantwortet er vor allem die Bereiche Finanzen, Marketing, Investors Relations und Personal.

Paul Preiss studierte Physik und Wirtschaftswissenschaften und promovierte in theoretischer Quantenphysik. Im Anschluss arbeitete er bei Kearney und der BSH Hausgeräte GmbH im konzeptionellen und strategischen Bereich, bevor er sich als Experte für Lean-Start-up-Methoden selbstständig machte. Bei Vermando ist er für die Bereiche Produktentwicklung, IT und Vertrieb zuständig.

Über die Vermando AG

Die Firma mit Sitz in Herisau realisiert seit 2016 digitale Angebote für Hauseigentümer und Handwerker. Die Basisplattform HausHeld.ch bietet renovationsinteressierten Immobilienbesitzern die Möglichkeit, sich über für sie geeignete Produkte und Dienstleistungen zu informieren. Zudem bekommen Eigentümer die für ihr Projekt passenden Handwerksbetriebe vermittelt. Parallel entwickelt und betreibt die Vermando AG digitale Werkzeuge zur Gebäudeanalyse und -optimierung für Hauseigentümer. Das junge Unternehmen befindet sich auf Wachstumskurs und erweitert stetig Partnerschaften und Angebote, um die Marktführerschaft in der Schweiz zu erlangen. Geführt wird das Unternehmen von den Gründern und Co-CEO Claudius Habisreutinger und Paul Preiss, die im Verwaltungsrat durch Oliver Roth (VR-Präsident), Oliver Wittwer und Matthias Pfeifer strategisch unterstützt werden.

Kooperation mit dem WIR-KMU-Netzwerk

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