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Schlafkiller Stress und Handy

6 min.
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von Daniel Flury

5 Beiträge

Schlafhygiene ist wichtig für ausgeschlafene Unternehmer, sagt Schlafforscher Christian Cajochen. Aber auch ausgeruhte Mitarbeiter sind ein Asset.

Schlafstörungen sind verbreitet: Jeder Dritte schläft schlecht oder sehr schlecht. Zu den Folgen des nächtlichen Grübelns und Problemewälzens gehören Konzentrationsstörungen und ein verlangsamtes Denkvermögen, die sich z.B. am Arbeitsplatz durch Leistungsabfall und höhere Fehlerquote bemerkbar machen. Die Kosten, die unausgeschlafene, unkonzentrierte Arbeitnehmer in Büros und Werkstätten verursachen, werden in der Schweiz auf rund 1,5 Mrd. CHF jährlich geschätzt. Wer sich als Unternehmer zu den „Ausgeschlafenen“ zählt, könnte also gut daran tun, den Schlaf in den Betriebsalltag einzubinden und beispielsweise für Ruhezonen zu sorgen. Allerdings sind es nicht selten Manager und Unternehmer, die den Schlaf als unproduktive, lästige Nebenerscheinung ansehen und ihn möglichst vermeiden. An einem WIR-Business-Event des WIR-Networks Olten-Solothurn-Oberaargau hat der Schlafforscher Prof. Dr. Christian Cajochen Einblicke in seine Forschungsarbeit gegeben (vgl. WIRinfo 9/2018) und zu den folgenden Fragen Stellung genommen. Christian Cajochen gehört neben Marc K. Peter von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) auch zu den Gästen des WIR-KMU-Talk vom 16. Oktober (live auf dem WIRblog und auf Facebook).

«Stress ist der Killer Nummer eins bei Schlafproblemen.»

Schweizer KMU sind innovativ, konkurrenzfähig – kurz ausgeschlafen. Was muss ein Unternehmer tun, dass auch er trotz Stress ausgeschlafen ist?

Christian Cajochen: Stress ist der Killer Nummer eins bei Schlafproblemen. Kurze Antwort: Möglichst versuchen, den Stress vor dem Schlafzimmer zu deponieren. Und der Unternehmer muss akzeptieren, dass Schlaf wichtig für die Gesundheit ist.

Wie deponiert man den Stress?

Einfach ist das nicht. Es ist der Versuch, richtig gut abzuschalten. Wichtig ist auch, dass man eine Schlafhygiene pflegt. So wie man beim Essen gewisse Regeln befolgt, sollte man das auch beim Schlafen tun.

Wie lauten die wichtigsten Benimmregeln beim Schlafen?

Zunächst einmal darf man den Schlaf nicht als unangenehm empfinden, als etwas, das man jetzt halt noch machen muss, obwohl man keine Zeit hat. Die sieben oder acht Stunden Schlaf pro Tag sind dazu da, dass der Mensch sich erholt. Das Zweite sind regelmässige Schlafenszeiten. So kann sich der Körper besser auf gewisse Stresssituationen vorbereiten, und man ist viel stressresistenter, wenn man ausgeschlafen ist.

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Es hat eine Zeit gegeben, wo Manager und Unternehmer stolz verkündigt haben, dass sie mit drei oder vier Stunden Schlaf auskommen. Ich habe den Eindruck, solche Äusserungen in letzter Zeit seltener gehört zu haben. Ist hier ein Umdenken eingetreten oder ist das nur meine Wahrnehmung?

Nein, den Eindruck habe ich auch. Man hat das vor etwa 10 Jahren sehr viel mehr gehört als heute. Es kam damals ja auch zu tragischen und fatalen Fällen von Managern mit massiven Schlafstörungen, die Selbstmord begangen haben. Ich denke, dass die Arbeit von uns Schlafforschern und die Wichtigkeit des Schlafs in letzter Zeit mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt ist. Ich kenne auch Manager und Firmen, die den Schlaf in den Betriebsalltag einbinden und sich z.B. Gedanken zu Beleuchtungskonzept und Arbeitsraumgestaltung machen. Da hat sich einiges getan.

Gehören da auch Ruhezonen im Betrieb dazu – kennen wir das in der Schweiz?

Ja, es gibt Betriebe, die Ruhezonen haben. Da gehört es dann aber dazu, dass man das richtige Licht hat und die richtige Ernährung bietet. Das sind alles Faktoren, die sich positiv auf den ganzen Schlafwachrhythmus auswirken. Weiter gehört dazu, die Arbeitszeitmodelle zu überdenken und zu  individualisieren. Frühtypen arbeiten dann zu andern Zeiten als die Spättypen.

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Christian Cajochen

«Das Handy wird einem heute sozusagen in die Wiege gelegt.»

Was sagen Sie zum Unternehmer, der Angst hat einen Auftrag zu verpassen und praktisch mit dem Smartphone schläft?

Das passiert nicht nur dem Unternehmer. Das Handy wird einem heute sozusagen in die Wiege gelegt, und wir sind zur eigentlichen Handygesellschaft geworden. Das ist eine Realität, mit der wir lernen müssen umzugehen. Ich habe aber auch das Gefühl, dass mancherorts ein Umdenken stattfindet. Es gibt sogar schon Schulen, mit gewissen Regeln zum Handygebrauch. Wie sich das entwickelt, weiss ich nicht. Sicher ist aber, dass das Handy für gewisse Menschen ein Schlafkiller ist.

Sie sind der Leiter des Zentrums für Chronobiologie an den Universitären Psychiatrischen Kliniken UPK in Basel. Bedeutet dies, dass Menschen mit Schlafproblemen ein psychisches Problem haben und zum Psychiater gehen müssen?

Nein, überhaupt nicht. Wir sind in den UPK angesiedelt, weil Schlafforschung historisch aus der Psychiatrie kommt. Viele psychisch kranke Menschen haben auch Schlafprobleme,  vor allem depressive Patienten. Aber Sie können Schlafprobleme auch ohne ein psychisches Problem haben. Aber es gibt natürlich viele sehr gute und zertifizierte Schlafkliniken in der Schweiz, die nicht an Psychiatriekliniken angeschlossen sind.

Wie merkt jemand, dass er oder sie ein Schlafproblem hat?

Tagesmüdigkeit ist ein Indikator: Wer am Tag nicht mehr funktioniert und müde ist, ohne zu wissen warum und die Müdigkeit nicht bekämpfen kann. Ein Problem hat auch, wer Einschlafschwierigkeiten hat oder in der  Nacht viel erwacht, also eine Durchschlafstörung hat. So etwas kann zwar immer mal vorkommen und ist nicht weiter schlimm, aber wenn es über zwei Monate andauert, dann muss man es ernst nehmen.

Geht man dann als erstes zum Hausarzt?

Ja, man geht zum Hausarzt. Leider passiert es dann zu oft, dass einfach eine Schlaftablette verschrieben wird. In vielen Fällen wäre es besser, wenn der Patient an den Schlafmediziner überwiesen würde. Auch generell würde ich sagen, dass sich die Hausärzte zu selten nach der Qualität des Schlafs erkundigen, obwohl diese Frage eine der ersten sein sollte. Denn der Schlaf ist ein Fenster zur psychischen wie zur körperlichen Gesundheit.

Gibt es einen Unterschied zwischen Frauen und Männern?

Ja, den gibt es, wenn man nach der Schlafqualität fragt. Frauen beklagen sich mehr über Schlafstörungen, vor allem im Alter, als Männer. Bei unseren Untersuchungen im Schlaflabor stellen wir aber keinen geschlechtlich bedingten Unterschied fest. Der Unterschied besteht offenbar nur oder in erster Linie in der Wahrnehmung.

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