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Kress Autosattlerei GmbH

Der Veredler

16 min.
Vogel

von Artur K. Vogel

4 Beiträge

Erik Kress und sein Team der Kress Autosattlerei GmbH in Dänikon ZH restaurieren Cabriodächer, Autositze und ganze Interieurs von alten und neueren Fahrzeugen. Mit Enthusiasmus, Erfindergeist und handwerklichem Können haben sie sich eine internationale Kundschaft aufgebaut.

Bei manchen Autos gerät Erik Kress ins Schwärmen. Zum Beispiel bei einem Rolls-Royce Silver Cloud Flying Spur aus dem Jahr 1965. Dessen Bilder hängen im Büro an der Wand. Ein deutscher Reeder wollte bei einem Charity Event in Bremen die schwedische Königin Silvia standesgemäss chauffieren und liess das edle Gefährt so aufmöbeln, dass es aussehen und funktionieren sollte, wie wenn es gerade aus der Manufaktur gekommen wäre. Die Kress Autosattlerei GmbH in Dänikon im Zürcher Furttal trug unter anderem die originalgetreuen grauen Lederposter und die Teppichböden bei und liess die Holzapplikationen der britischen Luxuslimousine in einem anderen Spezialbetrieb aufarbeiten. Rund eine Million habe sich der reiche Reeder dieses aufwendige Restaurationsprojekt kosten lassen, erzählt der 59-jährige Kress.

Ob Rolls-Royce, Bentley oder Aston Martin, Mercedes, BMW oder irgend ein anderes Fabrikat; ob Veteran oder modernes Auto, ob Limousine, Sportwagen oder Transporter: Die Kress Autosattlerei ist im ganzen Land und weit darüber hinaus bekannt für die detailgenaue Gründlichkeit, mit der hier Stoffdächer, Sitze und ganze Interieurs erneuert werden.

Reihenweise aufgeschlitzte Dächer

Es gibt eher leichtere Routinearbeiten. Zum Beispiel wurden in Zürich eine Zeitlang die Dächer von VW Golf Cabrios reihenweise aufgeschlitzt. Nicht weniger als 110 von diesen habe er im Lauf der Zeit geflickt, erzählt Erik Kress. Ein früherer Chef einer Amag-Filiale, der zufällig vorbeischaut, bestätigt die Geschichte. Es gibt auch die komplexen Fälle. Im Atelier in Dänikon steht ein frisch restaurierter, herausgeputzter Ford Mercury Monterey in Pfefferminzgrün metallic mit weissem Cabrio-Verdeck. Einzelne Teile des fast 60 Jahre alten, mächtigen Amerikanerwagens habe man mühsam in den USA auftreiben müssen, erzählt Erik Kress. Auch für den etwa gleich alten, crèmefarbenen Mercedes 280 SL im vorderen Teil der Werkstatt gibt es gewisse Ersatzteile nicht mehr. Das Modell wird von Kennern wegen seiner Dachform «Pagode» genannt, ist inzwischen in gutem Zustand ein Vermögen wert und verdient deshalb eine fachgerechte Reparatur. Das Gestänge des Cabriodachs ist defekt. Deshalb musste der Stoff abgezogen und das Gestänge aufwendig repariert und geschweisst werden.

Alles wird aufgemöbelt – vom Tesla bis zum Roboter

Erik Kress
Autosattlerei Kress GmbH

Die komplette Verdeckeinheit eines Bentley-Cabrio wird von den Mitarbeitern der Autosattlerei Kress ausgewechselt

Werkstatt statt Rennbahn

Mit Fahrzeugen hatte Erik Kress schon sehr früh zu tun. Allerdings hatten sie zwei Räder und keinen Motor: Sein Vater, der gern Velorennfahrer geworden wäre, setzte den Junior schon früh auf den Sattel. Erik, ehrgeizig und durchtrainiert, fuhr Rennen auf der offenen Rennbahn in Oerlikon und liebäugelte damit, Radprofi zu werden. Doch die Perspektive, nach der aktiven Karriere ohne Ausbildung und ohne Job dazustehen, schreckte ihn ab. Deshalb begann er als 16-Jähriger 1979 eine Lehre als Autosattler, und zwar bei seinem Grossvater Heinrich Bertschi. Dieser besass einen Betrieb zuerst in Zürich Wollishofen, dann im Triemli-Quartier. Schwarz-Weiss-Fotografien an einer Wand der Werkstatt, auf denen neben eleganten Automobilen der Epoche auch Heinrich Bertschi und seine Gattin, die Grosseltern mütterlicherseits, zu sehen sind, zeugen von jener Zeit. Heinrich Bertschi war eine starke Persönlichkeit. 1934 gehörte er laut seinem Enkel zum Umfeld der Gründer der Wirtschaftsring-Genossenschaft, der heutigen Bank WIR.

Sie basierte nach den katastrophalen Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise auf einer Selbsthilfe-Initiative von KMU und Gewerbetreibenden. An der Tür der Kress Autosattlerei fällt der WIR-Kleber sofort auf, und Erik Kress bestätigt seine Bereitschaft, seine Dienste in WIR bezahlen zu lassen, wenn das vorgängig vereinbart wird. «Doch Grossvater hatte auch einen harten Grind», erzählt Erik Kress. Er akzeptierte seinen Enkel als Mitarbeiter, weigerte sich aber partout, ihm das Geschäft zu übergeben. Im Moment war der junge Fachmann frustriert. Heute aber sagt er: «Das war meine grosse Chance.» Nach ersten Anfängen 1985 gründete er zusammen mit seiner damaligen Frau 1988 seine eigene Autosattlerei. Sein Wille zum Erfolg, den er schon auf der Radrennbahn manifestiert hatte, kam ihm im Beruf zustatten. Und nicht nur dort. Im Militär setzte er sein Ziel, Offizier zu werden, gegen alle Widerstände durch. Damals war das für einen Nicht-Akademiker ein beachtlicher Erfolg.

Enthusiasmus und Erfindergeist

Obwohl er also schon rund 35 Jahre im Geschäft ist, wirkt Erik Kress noch heute enthusiastisch, wenn er von seinen Aktivitäten berichtet. «Der Kunde, der am weitesten entfernt lebt, ist ein Schweizer Banker in New York», erzählt er zum Beispiel. Dieser erwarb einen äusserst raren Aston Martin DB5 Convertible mit Linkslenkung. Das Auto ist zwar in Gstaad geparkt, wo der Mann eine Zweitresidenz besitzt. Doch um die originalen britischen Kennzeichen legal behalten zu dürfen, mietete der Banker eigens eine Wohnung in London. Der Aston Martin hatte ein rotes Interieur, was seinem Eigner gar nicht passte. Nach einer radikalen Kur von der Kress GmbH präsentiert sich nun das originalgetreu wiederhergestellte Innenleben in edlem Hellbraun.

Mit vier von der Kress GmbH veredelten Autos waren Eigentümer zum Concorso d’Eleganza Villa d’Este am Comersee eingeladen, dem jährlichen Stelldichein der schönsten, rarsten und am feinsten restaurierten Automobile. «Mit zweien haben wir den Kategoriensieg errungen», sagt Erik Kress stolz. Von einem davon hängen grosse Fotos an der Wand des Büros: eine hinreissende Limousine Phantom I von Rolls-Royce aus dem Jahr 1925 in Dunkelgrün mit schwarzem Dach.

Doch die Kress GmbH, teilweise als offizieller Partner von Importeuren oder sogar Autofirmen, bringt nicht nur die Autos legendärer Marken auf Vordermann. Es steht zum Beispiel auch das Gestell einer Sitzbank von de Sede im Atelier, der die Leute von Kress ein neues Kissen samt abgestepptem, schwarzem Lederbezug verpassen. Oder Verschalungen von Robotern, die bei Kress eine weiche Aussenhaut bekommen, damit sie die Menschen in Altersheimen, wo sie eingesetzt werden, bei einem allfälligen Zusammenstoss nicht verletzen. Nicht nur der Enthusiasmus, auch der Pioniergeist von Erik Kress ist ungebrochen. Mit einer zweiten Firma vertreibt er eine eigene Erfindung: Reifenkissen. Wenn Autos längere Zeit stehen, zum Beispiel im Winter, können sich Reifen verformen, denn das ganze Gewicht der Fahrzeuge auf vier sehr kleinen Auflageflächen ruht. Stellt man die Autos auf vier Reifenkissen von Kress aus einem speziell entwickelten, sehr widerstandsfähigen Schaumstoff, der sich der Reifenform anpasst, verteilt sich ihr Gewicht auf eine viel grössere Reifenoberfläche. Simpel und genial.

Autosattlerei Kress GmbH

Erik Kress in dem Tesla Model S, dessen Innenausstattung neu gestaltet wurde von der Autosattlerei Kress.

Teslas aufmöbeln

Das neuste Projekt ist aber vielleicht das grösste. Erik Kress erläutert es anhand eines Tesla Modell X, das vor der Werkstatt parkt. Das dunkelblaue Fahrzeug mit den hinteren Flügeltüren besitzt ein auffälliges oranges LederInterieur mit blauen Steppnähten. «Es ist dasselbe Leder, das im Lamborghini Urus verwendet wird», sagt Erik Kress. (Beim Urus handelt es sich um ein bis 400000 Franken teures SUV der italienischen Sportwagenmarke.) Karosserie und Sitze sind mit dem Logo «EK­Line» verziert.

Teslas sind in der Schweiz zunehmend populär. Doch ihr Interieur ist eher trist, und ab Werk können nur wenige Optionen geordert werden. Mit der EK­Line AG will Erik Kress künftig die Möglichkeit bieten, für alle Tesla­ Modelle online individualisierte, hochwertige Innenausstattungen zu bestellen. Damit die Preise dafür nicht in den Himmel schiessen, will Kress die Sitze schablonisieren und das Handwerk, das auch in Zukunft im Mittelpunkt stehen wird, sanft um eine digitale Dimension ergänzen. Billig, das sei hier gesagt, wird ein neues Tesla­Interieur nicht. Viel edler und schöner als zuvor allerdings schon. A propos Handwerk: Auf der einen Seite stützt sich Erik Kress auf ein eingespieltes, engagiertes Team. «Ohne meine Leute könnte ich den Laden dichtmachen», sagt er offen. Er ist aber auch aktiv darum bemüht, sein Handwerk für künftige Generationen zu erhalten. Nicht nur werden in seinem Betrieb Lernende ausgebildet. Er wirkt auch als Lehrer für Berufskunde und Fachzeichnen an der Gewerbeschule Zofingen im Fachbereich Leder und Textil.

Flicken, aufmöbeln, veredeln

Bei der Kress GmbH dreht sich nicht alles um Teslas, edle Karossen und Sammlerstücke. Das Tagesgeschäft beinhaltet auch Reparaturarbeiten für KMU jeder Couleur. Viele Baufirmen, Zimmereien und alle andern, die Lieferwagen haben, schätzen diesen Service. Erik Kress: «Das sind robuste Arbeiten, die wir schnell und zu einem normalen Preis ausführen, natürlich ebenfalls mit einem WIR­-Anteil.» Verschönert oder repariert werden auch LKW­-Sitze. Erik Kress hat riesige Erfahrung mit Schaumstoffpolsterungen. So konnte er schon viele Rückenschmerzen von Langfahrern lindern. Für viele Kunden mit kleinen Lederwaren ist Kress die letzte Hoffnung. Kress: «Gerade Stücke, die man einfach gerne hat, können wir noch reparieren.»

Fotos: Henry Muchenberger

3 Kommentare

  1. Michael Burg |

    Ein sehr interessanter Artikel und eine KMU-Adresse, die ich mir merken muss. Das Stoffverdeck meines Volvos wird auch schon 24 Jahre alt. Wenn ich hier bei einer Auffrischung WIR investieren darf, lohnt sich vielleicht der etwas längere Anfahrtsweg Richtung Dänikon

    Antworten
    • Rebecca Reif |

      Lieber Michael, vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, die Kress GmbH nimmt WIR – alle Infos und den aktuellen Annahmesatz findest du im WIRmarket.

      Antworten
  2. Ferni |

    Unser frühere lehrer

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