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«KMU-Gewerbe zentral für den Schweizer Wohlstand»

11 min.
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von Volker Strohm

22 Beiträge

Bruno Stiegeler ist neuer CEO der WIR Bank. Im Interview erklärt der Baselbieter, weshalb er Politiker und Gemeinden im Visier hat – und wie er die breite Öffentlichkeit überraschen will.

Per Anfang Juni bist du neuer Vorsitzender der Geschäftsleitung der WIR Bank Genossenschaft. Was verändert sich dadurch in deinem Leben?

Bruno Stiegeler: Der Schritt ist mit einem kräftigen Schub an mehr Verantwortung verbunden. Es ist eine Rolle, die einen rund um die Uhr begleitet und beschäftigt. Es ist aber auch eine Herausforderung, in die ich mit einem tollen neuen Team starten darf: Nicht nur die Position des CEO ist neu besetzt, wir haben die Geschäftsleitung mit neuen guten Leuten ergänzt und erweitert.

Die Frage der Veränderung ist noch zu wenig beantwortet.

Veränderung ist eine tägliche Herausforderung, damit müssen wir uns nonstop befassen. Die Philosophie des «neuen» WIR-Systems wird weiter vorangetrieben, wir hören auf Kunden – und passen dort an, wo es Anpassungen braucht. Das ist ein normaler Zyklus. Ziel ist es, das WIR-Netzwerk mit vollem Elan auszubauen. Viele neue KMU sollen begeistert werden; WIR bietet für sie Chancen.

Mehr Verantwortung wurde erwähnt. Wie gehst du persönlich damit um?

Verantwortung ist für mich nicht neu, ich habe auch Erfahrung in der Leitung einer Bank. Aber ich will die Frage nicht auf mich eingeschränkt wissen: Für mich ist das Team das Wichtigste. Es braucht Vertrauen, ich mache nichts im Alleingang. Ich setze auf verteilte Arbeit und Kompetenz am richtigen Ort. Meine Rolle verstehe ich als Chef-Koordinator und als Kommunikator des Ganzen.

Wie das?

Ich kremple die Ärmel hoch und gehe «Klinken putzen». Politiker, Gemeinde-, Kantons- und Bundesbehörden sollen gezielt auf das WIR-System aufmerksam gemacht werden.

Mit welchem Anspruch?

Heimatschutz, Nachhaltigkeit – das sind für mich Themen, nein, sogar Trümpfe, weshalb das WIR-System in der Schweiz wieder bekannter gemacht werden muss.

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«Ich handle mit Herzblut und aus voller Überzeugung.»

Als CEO steht man automatisch im Schaufenster. Wie grenzt du dich gegen persönliche Angriffe ab?

Ich handle mit Herzblut und aus voller Überzeugung, entsprechend beschäftigen mich aber persönliche oder pauschale Angriffe. Dann bieten mir das Team, aber auch die Familie einen guten Ausgleich.

Wie funktioniert der private Ausgleich?

Indem ich zum Beispiel einmal wöchentlich ins Geschäft laufe – das sind hin und zurück 17 Kilometer. Auf dieser Strecke kann man vieles erledigen und verarbeiten.

Was geht dir dann durch den Kopf?

Sehr viel. Höchst persönliche Sachen, aber auch spannende Ideen für WIR oder die Gesamtbank. Auf diesen Läufen habe ich schon viele Probleme lösen können. Es ist eine Art Trance, in der man die Aufgabenstellung mehrdimensional betrachten kann.

Und die Lösungen werden auf dem Laptop im Rucksack gespeichert?

Nein. Das, was mich begeistert, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Danach muss es dann schnell gehen, ich will nicht viel Zeit verlieren. Das ist nicht immer angenehm für mein Umfeld. Der Themenanker muss umgehend gesetzt werden, damit er nicht verloren geht.

Diese Antwort heisst ausgedeutscht: Du bist ungeduldig.

Ja.

Ketzerische Zusammenfassung: Du läufst einmal wöchentlich zu Fuss ins Büro und wieder zurück, um abzuschalten – löst dabei aber auch geschäftliche Probleme. Wie und wann schaltest du wirklich ab?

Sehr selten. Und das ist auch ein berechtigter Vorwurf, den mir meine Frau macht. Irgendwie bin ich immer auf Sendung, aber das belastet mich nicht – es gehört zu mir. WIR ist auch im Alltag und in der Familie beim Einkaufen und Konsumieren stets ein Thema. Mein Sohn hat in der Wirtschaftsmittelschule für die Projektarbeit WIR gewählt, obwohl ich ihn auf die sehr anspruchsvolle Ausgangslage hingewiesen habe. Das Thema fasziniert aber offenbar so sehr, dass sein Projektteam laufend grösser wurde.

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«Wir müssen mehr kommunizieren, noch mehr aufklären und beraten.»

Die Reputation von WIR ist nicht die beste.

Diese stetig zu verbessern, ist für uns eine Daueraufgabe. Wir müssen mehr in die Öffentlichkeit. Das regionale Gewerbe muss unterstützt werden. Denn das heisst unter dem Strich doch auch für die Gemeinden mehr Steuereinnahmen und gesicherte Arbeitsplätze. Es ist ökonomisch und ökologisch sinnvoll, Produkte und Dienstleistungen im engeren Umkreis – und damit meine ich bewusst lokal, regional und national – zu erbringen und zu beziehen.

Wie soll diese Aufklärung in der breiten Öffentlichkeit erfolgen?

Wir müssen mehr kommunizieren, noch mehr aufklären. Und wir müssen noch mehr beraten. Es ist nicht nur das Umfeld, das eine altmodische Meinung vom WIR hat – es sind auch die eigenen Kunden, die unser Angebot noch gar nicht in der ganzen Breite beanspruchen und so vom ganzen Mehrwert profitieren. Hier sind wir gefordert, Produkte zu entwickeln, die man auch versteht und deren Nutzen sofort wirken.

Oft gehört: WIR braucht es heute nicht mehr.

Wer das behauptet, kennt das Potenzial von WIR nicht. Dahinter steckt ein Geschäftsnetzwerk, das gleichzeitig auch Auftragssicherung ist. Wer bei WIR dabei ist, erhält den Zugang zu einem KMU-Netzwerk, bei dem man sich nicht bis zur letzten Nachkommastelle in der Marge auspresst, sondern man erteilt sich gegenseitig Aufträge – natürlich mit einem vernünftigen WIR-Anteil.

Fakt ist aber auch, dass sich Firmen aus dem WIR-System verabschiedet haben.

Es handelt sich dabei oftmals nicht um klassische KMU. In verschiedenen Branchen – sei es das Elektrogewerbe, Sanitär oder Bauzulieferer, um nur einige zu nennen – haben wir in den vergangenen Jahren einen laufenden Zusammenschluss zu immer grösseren Gebilden gesehen. Und praktisch jedes dieser Gebilde ist heute in den Händen eines ausländischen Konzerns. Deren Manager kennen WIR nicht und haben kein Gefühl für das Schweizer Gewerbe – da geht es nur um nackte Zahlen. Vor diesem Hintergrund hat WIR einen schweren Stand.

Eine Entwicklung, die nur schwer zu bremsen ist.

Wir müssen uns wieder auf den kleinen und mittleren Unternehmer zurückbesinnen, der auch autonom ist. Es ist eine Illusion, bei einer grossen Konzerngesellschaft mit dem Thema WIR punkten zu wollen – es entspricht ja auch nicht dem Gründergedanken hinter WIR. Damals in den 1930er-Jahren sollten unter anderem die Kleinen vor den Grossen geschützt werden.

Aber ist WIR wirklich das Mittel, um bei dieser Konsolidierung Gegensteuer geben zu können?

Ja, davon bin ich überzeugt. WIR ist ein Mittel, um diese Entwicklung stoppen zu können. Nebst der Tatsache, dass wir aktuell für die Finanzierung von neuen Projekten Negativzinsen bezahlen oder ein WIR-Sofortkredit zu null Prozent erhältlich ist, heisst für mich das aktuelle Pro-Argument Schutz gegenüber dem Ausland, gegenüber Grosskonzernen. Genau diese Rolle wollen wir konsequenter ausleuchten. Auch mit Studien soll der Mehrwert des lokalen Miteinanders dokumentiert werden.

Weshalb soll der KMU-Fokus weiterhin funktionieren?

Weil KMU etwas vom Wichtigsten sind, das die Schweizer Wirtschaft vorzuweisen hat. Das Land zählt rund 500 000 Betriebe, jährlich werden es 1,3 bis 1,5 Prozent mehr. Unser Wachstumsanspruch ist höher: Wir wollen um rund fünf Prozent zulegen. KMU – und jetzt schliesst sich mein Argumentationskreis – sind die Basis für jede Gemeinde: Gewerbeflächen bieten Arbeitsplätze, liefern Steuereinnahmen, ermöglichen das Leben. Es gibt viele Dörfer, die vom Gewerbe abhängig sind. Zieht dieses weg, sind die Dörfer tot. Das Gewerbe ist für mich zentral für den Schweizer Wohlstand.

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«Wir wollen bewusst als Nischenanbieter für Spar- und Vorsorgelösungen speziell gute Konditionen anbieten.»

Die WIR Bank wird als Ganzes sehr häufig auf die Komplementärwährung WIR reduziert.

Stimmt. Unsere Kunden und Stammanteilhalter wissen natürlich, dass die WIR Bank auch eine «ganz normale» Bank ist, aber in der öffentlichen Wahrnehmung haben wir diesbezüglich zweifelsohne ein Informationsdefizit. Auch hier muss zusammen mit unserem Marketing in Massnahmen investiert werden, um dieses Bild laufend zurechtzurücken: kommunizieren, aufklären und motivieren – eine Daueraufgabe.

Welchen Stellenwert haben denn die Privatkunden?

Einen sehr hohen. Wir wollen bewusst als Nischenanbieter für Spar- und Vorsorgelösungen speziell gute Konditionen anbieten. Das machen wir nachhaltig und nachprüfbar: In allen Zinsvergleichen soll die WIR Bank immer in den Top-Positionen auftauchen.

Im Zusammenhang mit einer Bank muss zwangsläufig das Stichwort «Regulatorien» in die Runde geworfen werden.

Regulatorien haben sich in den vergangenen Jahren inflationär verbreitert. Dem müssen wir uns stellen. Aber im Verbund mit anderen Banken soll es uns auch gelingen, eine weitere Explosion zu verhindern. Als WIR Bank können wir nicht oft genug auf unseren rein schweizerischen Charakter hinweisen. So können wir uns bewusst von anderen Banken mit internationalem Geschäft oder komplexer Anlageberatung bewusst abgrenzen.

Weshalb wird die WIR Bank beispielsweise im Anlagegeschäft nicht selbst aktiv?

Das ist für uns zur Zeit kein Thema: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Wir wollen uns auf das fokussieren, was wir können und verstehen. Wenn wir auf Grund unserer Diversifikationsstrategie neues Terrain beschreiten sollten, dann nicht im Alleingang, sondern allenfalls mit hervorragenden und kompetenten Partnern.

Das tönt nach konkreten Plänen.

Es gibt konkretere Vorstellungen, aber es ist falsch, heute etwas ankündigen zu wollen, das noch nicht fertig ist. Nur so viel: Wir werden unsere Kunden auch in Zukunft weiter überraschen und ihnen damit Freude bereiten – sonst hätte ein Angebot keine Berechtigung.

Die anhaltende Zinsbaisse bremst die WIR-Umsätze. Wie lange reicht der Schnauf noch aus?

Noch sehr lange, das ist für uns kein Thema. Das liegt einerseits daran, dass die Abhängigkeit des Geschäftsergebnisses von den WIR-Umsätzen mit Beginn unserer Diversifizierung deutlich abgenommen hat. Andererseits ist die Bank mit über einer halben Milliarde Eigenkapital – lass es mich bewusst salopp, aber einprägend formulieren – «hochpotent» und äusserst komfortabel kapitalisiert. Als Genossenschaftsbank müssen wir nicht Jahr für Jahr einen exorbitanten Gewinn anstreben, aber natürlich wollen wir erfolgreich sein und so unseren Kapitalgebenden und Genossenschaftern eine nachhaltig attraktive Dividende ausschütten. Die WIR Bank hat Power, wir werden uns weiterhin gut positionieren, wollen vernünftig wachsen und Reserven bilden.

Für Stammanteilhalter also die Botschaft, dass sie sich kursmässig – wie schon zuletzt – wieder in ruhigeren Gewässern bewegen?

Das ist unsere Ambition. Ich persönlich sehe ein beträchtliches Kurspotenzial. Aber wir sind keine AG mit Aktien, die täglich gehandelt und mit welchen spekuliert werden kann. Wir haben viele und teils sehr treue Stammanteilhalter, bei denen ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken will. Und auch unseren wichtigen grossen Kapitalgebern wollen wir einen zuverlässigen Wert bieten. Natürlich mit der Ambition verbunden, diesen auch steigern zu können.

Die WIR-Schlagzeile 2020 heisst …

… im Aufschwung, gesteigerte Nachfrage – und die WIR Bank hat ein spannendes neues Angebot für die breite Öffentlichkeit lancieren können.

(Fotos: Raffi Falchi)

10 Begriffe – auf den Punkt gebracht

Karriere
Plan und Fleiss.

Familie
Ganz wichtig, Anker und Motivation.

Schweizer Wirtschaft
Robust, schützenswert, Grundlage für das WIR-System.

Finanzwelt
Steht nicht nur wegen der verkehrten Zinslandschaft Kopf, leidet unter einer riesigen Regulatorienflut sowie generell unter einem wenig schmeichelhaften Ruf.

Digitalisierung
Eine Chance in allen Bereichen des Lebens. Mit ganz viel Nutzen, aber auch mit der Herausforderung zu überlegen, was wirklich sinnvoll ist – und was nicht.

Globalisierung
Bin kein Fan der Globalisierung.

Genossenschaft
Davon bin ich Fan, dafür schlägt mein Herz: Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als auf einer Schweizer Genossenschaftsbank zu arbeiten.

Träume
Habe ich ganz viele: dass das WIR-System erfolgreich wird, dass unsere Kunden, Mitarbeitenden, Kapitalgebenden Freude am WIR-System haben und stolz sind, mit der WIR Bank Genossenschaft in Verbindung zu stehen.

Bodenständigkeit
Nehme ich für mich in Anspruch. Ich bin ein Bauernsohn. Die Verankerung am Boden habe ich nie verloren, ich konzentriere mich auf das, was ich tue. Es gibt nichts anderes als meine Funktion, neu als CEO der WIR Bank. Ich hatte und habe keine weiteren Ämter inne. Für meine einzige Funktion kremple ich die Ärmel hoch – das ist für mich Bodenständigkeit.

Klimastreik
Berechtigt, ich habe Sympathien dafür. Der Jugend werden wir die Welt hinterlassen. Und auch hier bringe ich WIR ins Spiel, indem wir wieder vernünftiger werden und nicht jedes Produkt vom anderen Ende der Welt einfliegen lassen müssen, sondern auf Produkte und Dienstleistungen von Schweizer KMU zählen.

Zur Person

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Bruno Stiegeler

Vorsitzender der Geschäftsleitung der WIR Bank Genossenschaft

Bruno Stiegeler (55) ist Bürger von Biel-Benken (BL), aufgewachsen auf einem Bauernhof. Der verheiratete Vater von zwei erwachsenen Kindern ist seit 38 Jahren Banker. Nach langjährigem Engagement beim damaligen Bankverein (unter anderem als Filialleiter), baute er ab dem Jahr 2000 in Basel die Raiffeisenbank erfolgreich auf. 2013 wechselte er als Leiter Kundenbetreuung und stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung zur WIR Bank Genossenschaft.

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