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«Homeoffice – und die Wirtschaft funktioniert»

13 min.
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von Volker Strohm

22 Beiträge

Die Covid-19-Pandemie wird die Geschäftsmodelle verändern – auch für KMU. Trend- und Zukunftsforscher Andreas M. Walker sieht aber noch weitere Herausforderungen auf uns zukommen. Zweiter Teil unseres Interviews.

Viele Unternehmen waren und sind kreativ unterwegs. Stimmt der Eindruck, dass die Covid-19-Pandemie Sachen beschleunigt – insbesondere im Bereich der Digitalisierung?

Andreas M. Walker: Unbedingt, es ist viel passiert. Sachen, für die wir im Zusammenhang mit dem Megatrend Digitalisierung noch ein Jahrzehnt veranschlagt hatten, sind innerhalb des Frühjahrs plötzlich möglich geworden. Das offensichtlichste Beispiel für mich ist Homeoffice. Noch vor zwei, drei Jahren wurden von Vorgesetzten Glaubenskriege geführt, wonach Mitarbeitende, die zu Hause sind, nicht arbeiten. Sie sollen ins Büro, um kontrolliert werden zu können. Heute ist Homeoffice gezwungenermassen Realität geworden – und siehe da: Die Wirtschaft funktioniert.

Weitere Beispiele?

Die digitale Kommunikation mit Zoom, Teams, Skype und wie sie alle heissen. Die Schnelligkeit und Effizienz in der Kommunikation haben zugenommen, Entscheide sind schneller gereift. Nicht nur Mitarbeitende berichten, dass sie zu Hause effizienter sind, auch Studenten und Gymnasiasten sind mit «Distance Learning» teilweise besser unterwegs als in der Schule. Für gewisse Menschentypen haben sich neue Chancen eröffnet.

Aber mit Abstrichen im sozialen Verhalten?

Das ist wieder zu stark schwarz und weiss gedacht. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es keine Entweder-oder-Massnahmen mehr geben wird. Gewinner der Zukunft wird nicht derjenige mit «alles oder nichts» sein, sondern derjenige, der angemessen erkennt: Dieser Kunde funktioniert über Digitalisierung, jener Kunde besser über das Telefon – und der dritte Kunde will nach wie vor einen persönlichen Besuch. Das industrialisierte Denken, es gibt für alle eine einzige Lösung, wird immer unpassender.

Hat uns der Stand der Digitalisierung auch ein Stück weit «gerettet»?

Ja. Die Generationen Y und Z, also alle ab Jahrgang 1985 und jünger, haben doch in ihrem Bewusstsein nie eine Landesgrenze erlebt. Und plötzlich war sie wieder da. Ich lebe drei Strassenzüge von Frankreich entfernt – und eines Tages stand da: «Geschlossen.» Ein in den vergangenen 30 Jahren undenkbares Szenario. Die junge Generation muss mit dem umgehen lernen. Doch durch die Digitalisierung war diese Grenze real zwar geschlossen, virtuell bestand aber jederzeit ein globaler Zugang.

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«Ich befürchte, dass unsere Kinder mit der Angst leben müssen, dass irgendwann die wirklich schlimme Pandemie kommen wird.»

Aller Digitalisierung zum Trotz: Der «Lockdown» im Frühjahr 2020 war geprägt von Lieferengpässen auf diversen Produkten. Hat dadurch beim Thema Globalisierung, Abhängigkeit vom Ausland und Solidarität mit nationalen Unternehmen ein nach­haltiges Umdenken stattgefunden?

Ja. Lagerhaltung und Lagerbewirtschaftung wird künftig wieder eine andere Rolle spielen. Im privaten Bereich wird der klassische Notvorrat zum Thema. Die Generation unserer Eltern lebte mit dem Phänomen des Kalten Krieges: Vielleicht kommen die Russen, vielleicht bricht der Dritte Weltkrieg aus. Ich befürchte, dass unsere Kinder mit der Angst leben müssen, dass irgendwann die wirklich schlimme Pandemie kommen wird.

Noch schlimmer?

Meiner Meinung nach sind wir mit Covid-19 mit einem blauen Auge davonkommen. Aber Covid-27 oder Covid-33 könnten vielleicht viel gefährlicher sein. Oder eine nächste Variante von Influenza. Oder eine nächste Variante von Aids. Es gibt zahlreiche Bedrohungen durch die sogenannte Zoonose, also von Krankheiten aus dem Tierreich, die auf den Menschen übertragen werden können. Seit 2005 wurde an Konferenzen in der Schweiz und Europa von Fachleuten dauernd gewarnt: Es ist nicht eine Frage, ob eine Pandemie kommen wird – sondern wann. Heute müssen wir uns fragen: War sie das schon? Oder einfach eine Art «Generalprobe», bei der wir viel lernen können?

Die Krise ist kein Querschnitt über alles, sondern legt einzelne Branchen lahm. Ist das nicht eine Bedrohung für den ganzen Wirtschaftskreislauf?

Keine Bedrohung, sondern ebenfalls die Aufforderung zum Umdenken. Unser Denken ist noch immer zu sehr auf Ereignisse ausgerichtet: Es passiert etwas, geht vielleicht kaputt, wird wieder hergerichtet – und es geht weiter. Aktuell fehlt uns seit Wochen und Monaten eine Visibilität: Die Pandemie ist ein Phänomen, auf das unsere Gesellschaft, die auf Planbarkeit und Machbarkeit ausgerichtet ist, mental nicht vorbereitet war. Wir kennen das Ereignis respektive dessen wahre Gefahr bis heute nicht. Wir wissen nicht, was als Massnahme hilft.

Ist die Antwort in diesem Fall nicht: ein Virus, der je nach Verlauf tödliche Folgen haben kann?

Nein, das Problem ist nicht die effektive medizinische Bedrohung, sondern, dass wir nicht wissen, wir mit unserem Unwissen umgehen sollen.

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«Die Pandemie ist ein Phänomen, auf das unsere Gesellschaft, die auf Planbarkeit und Machbarkeit ausgerichtet ist, mental nicht vorbereitet war.»

Womit wir wieder beim Thema Kommunikation wären: Diese war medizinisch und punkto Massnahmen inhaltlich mitunter auch sehr agil und sprunghaft …

Die Medien und das Marketing haben uns in der Vergangenheit gelehrt: Du musst alles auf einer Zeile sagen oder in einem maximal dreiminütigen Pitch vermitteln können.

Sprich: Masken nützen oder nützen nicht? Niemand hat Lust, einen mehrseitigen wissenschaftlichen Bericht zu lesen?

Genau. Die Natur- oder Medizinwissenschaft funktioniert aber nicht schwarz und weiss. Normalerweise dauern Forschungsreihen mehrere Jahre, plötzlich waren Ergebnisse innert weniger Tage gefordert. Eine Maske nützt zu 97 Prozent, die andere zu 90 Prozent. Wenn sie befeuchtet ist, vielleicht noch 50 Prozent. Und jetzt? Nützen Masken?

Gilt «grösstenteils ja» als Antwort?

Eben. Gefordert war und ist in unserer Kultur aber ein «Ja» oder «Nein». Wir wollen eindeutige Botschaften hören. Und plötzlich gibt es da ganz viele Grautöne. Das macht es vielen von uns schwer nachzuvollziehen, was los ist. Daran sind die plakative Kommunikation der Boulevardmedien und die Werbung der vergangenen 20 Jahre mitschuldig. Wir erleben mit der Pandemie ein Phänomen, das unsere Generation nicht kennt: das Umgehen mit Mutmassungen.

 

Fotos: Raffi p.n. Falchi

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Dr. Andreas M. Walker zählt zu den führenden Trend- und Zukunftsexperten der Schweiz. Er ist Ehrenmitglied von swissfuture, der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftskonferenz, und ehemaliger Co-Präsident. Als Fachoffizier bzw. Offizier für strategische Analysen ist er seit 1994 in die Früherkennung neuer Krisen und in die Entwicklung von Übungsszenarien involviert. 2003 bis 2005 wirkte er im engeren Kernteam für die strategische Führungsübung des Bundesrats «Epidemie in der Schweiz» mit. Danach unterstützte er mehrere Ämter, Verbände und Firmen in der Vorbereitung für das Risiko einer neuen Pandemie. Aktuell befasst er sich als Autor, Interviewpartner, Trainer und Dozent intensiv mit den Hintergründen von Corona Covid-19.

Walker hat die WIR Bank schon mehrfach als Referent für Zukunftsthemen unterstützt. Als ehemaliger Bankdirektor, Verwaltungsrat von KMU und Geschäftsführer auf Zeit ist er ein versierter Kenner der Früherkennung und der proaktiven Gestaltung von strategischer Veränderung. Er unterstützt Firmen in der Beratung, mit Workshops und Referaten.

Webseite von Andreas M. Walker

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