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Schweizerisches Paraplegiger Zentrum SPZ, Nottwil

«Friendly Work Space»: Gesundes Umfeld für Paraplegie-Patienten

9 min.
Flury

von Daniel Flury

14 Beiträge

Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum SPZ in Nottwil ist WIR-Teilnehmer und gehört zu jenen rund 80 Firmen und Organisationen, die von der Gesundheitsförderung Schweiz mit dem Qualitäts-Label ausgezeichnet worden sind.

Die Anforderungen an Unternehmen, die ihr Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) mit dem Qualitätssiegel «Friendly Work Space» krönen wollen, sind hoch. Manuela Schär, betriebliche Gesundheitsmanagerin im Schweizer Paraplegiker-Zentrum SPZ in Nottwil, berichtet im Interview über ihre Erfahrungen.

WIRblog: War das Paraplegiker-Zentrum vor der Auszeichnung mit dem Label «Friendly Work Space» ein «unfreundlicher» Arbeitsort?

Manuela Schär: Nein, im Gegenteil: Schon Guido A. Zäch, Gründer des Paraplegiker-Zentrums, war klar, dass es nur gesunden Mitarbeitern gelingt, die Patienten gut zu versorgen. Deshalb war es damals wie heute wichtig, dass die Mitarbeitenden Wertschätzung erfahren und in einem gesunden Umfeld ihre Arbeit erledigen können. Diese Einstellung war noch immer in den Köpfen der verantwortlichen Führungskräfte, als wir uns 2011 um das Label «Friendly Work Space» bemühten.

Power-Stempel-de

Unter dem Label «KMU-Power» zeigt die WIR Bank auf den digitalen und analogen Kanälen sowie an Veranstaltungen der WIR-Networks, wie Unternehmer sich, ihre Mitarbeitenden und damit ihre Firma fit machen und fit halten. Die quartalsweisen Schwerpunktthemen 2019 heissen Fitness, Management, Digitalisierung und Marketing.

Was gab den Anlass, sich für das Label zu bewerben?

Das Label war 2010 erstmals auf dem Markt – gerade, als eine HR-Mitarbeitende des SPZ eine Projektarbeit im Bereich Coaching und Case Management schrieb. Ich arbeitete damals noch nicht für das SPZ und kann deshalb nur vermuten, dass unser HR und der damalige Personalchef in diesem Zusammenhang auf das Label stiessen und die Zertifizierung anstrebten. Ausschlaggebend war wohl, dass es sich ein Haus wie das unsere längerfristig nicht leisten könnte, kein Betriebliches Gesundheitsmanagement zu haben. Und dass man die Chancen erkannte, die ein solches Label mit sich bringt.

Gab es damals Ihre Stelle – betriebliche Gesundheitsmanagerin – im SPZ schon?

Für etwa ein halbes Jahr nach der Zertifizierung 2011 waren die Aufgaben des Betrieblichen Gesundheitsmanagements bei den HR-Verantwortlichen angegliedert. Es war jedoch nicht klar geregelt, wer im HR für die Umsetzung des Labels zuständig war. Man erkannte, dass es jemanden braucht, der dahinter steht, mit dem Thema Gesundheitsmanagement bei den Führungskräften immer wieder vorstellig wird und die Werte der gesunden Führung schult und vertritt. Denn es sind die Führungskräfte, die ungünstige Arbeitssituationen erkennen müssen. Deshalb wurde die Funktion einer betrieblichen Gesundheitsmanagerin geschaffen und eine entsprechende Stelle ausgeschrieben.

Was war Ihre Motivation, sich zu bewerben?

Ich hatte vor Jahren das Sekretariat eines grossen Instituts für Physiotherapie geführt. Als ausgebildete HR-Fachfrau und Coach SCA plante ich eigentlich, mich im Bereich HR-Beratung und Coaching selbstständig zu machen. Da sah ich das SPZ-
Inserat und bewarb mich – nicht zuletzt, weil ich grosse Stücke auf die Person Guido A. Zäch halte und unsere Rollstuhl-Patienten immer viel Gutes über ihn und das SPZ zu erzählen wussten. Ausschlaggebend für den Zuschlag war wohl meine Coaching-Ausbildung.

Schweizerisches Paraplegiger Zentrum SPZ, Nottwil

«Die Anzahl der Kurzzeitabsenzen ist zurückgegangen.»

Gemäss Gesundheitsförderung Schweiz zahlt sich die Investition in das Label «Friendly Work Space» beispielsweise in einer Reduktion der Krankheitstage der Mitarbeitenden aus. Ist das auch Ihre Erfahrung?

In meinem Stellenbeschrieb sollte es ursprünglich heissen, dass ich unter anderem daran gemessen würde. Doch mein Chef und ich haben uns dagegen gewehrt, weil es keinen Sinn ergibt: Eine einzige Grippewelle könnte alle vermiedenen Krankheitstage auslöschen, und die Label-Verantwortliche hätte den Schwarzen Peter gezogen. Bestätigen kann ich aber, dass die Anzahl Kurzzeitabsenzen zurückgegangen ist. Dies wahrscheinlich einfach schon dadurch, dass man heute wiederholte Kurzzeitabsenzen anspricht, ohne den Mahnfinger zu heben. Dem Vorgesetzten muss es gelingen, dem Mitarbeiter sein echtes Interesse zu zeigen. Es ist wichtig, dass sich ein Vorgesetzter dafür interessiert, wie es den Mitarbeitenden geht und dass er seiner Sorge Ausdruck verleiht, wenn sich solche Absenzen anhäufen.

Die Pflegenden in einer Institution wie dem SPZ kommen mit viel Leid in Kontakt – ist die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden ein Thema?

Allerdings, und wir haben ein Riesenglück, dass wir inhouse auf Psychologen zurückgreifen können. Wer Rat braucht, kann sich direkt an eine unserer Fachkräfte wenden. Das HR erhält eine Statistik ohne Namen. Bei Konflikten oder wenn eine Führungskraft feststellt, dass sich Mitarbeitende zurückziehen, werde auch ich oft als ausgebildete Mediatorin und Coach
beratend beigezogen.

Kaum ein KMU, das sich um das Label «Friendly Work Space» bemüht, kann auf solche Inhouse-Dienste zurückgreifen …

Dieses Privileg hat unseren Zertifizierungsaufwand für das Label tatsächlich vermindert. Wir verfügen ja nicht nur über Psychologen. Wir haben unter anderem Sportlehrer, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Ärzte und Sportmediziner und dazu eine Infrastruktur, die sich sehen lassen kann: ein Hallenbad, einen Geräteraum, eine Turnhalle, aber auch eine Bibliothek, einen Raum der Stille, einen Relax-Raum – und im Sommer kommt der Sempachersee mit einem kleinen Strandabschnitt für Patienten und Mitarbeitende hinzu. Das alles können unsere Mitarbeitenden nutzen, um sich geistig und körperlich fit zu halten.

«Friendly Work Space»

Das Label «Friendly Work Space» wird von der Gesundheitsförderung Schweiz vergeben. Firmen und Organisationen, die das Label erlangen, verfügen über ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und engagieren sich für das ganzheitliche Wohlbefinden der Mitarbeitenden und bieten ihnen ein respektvolles, wertschätzendes Umfeld. Gemäss Gesundheitsförderung Schweiz erhöhen Firmen, welche die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden fördern, ihre Wettbewerbsfähigkeit, ihren wirtschaftlichen Erfolg und ihre Innovationskraft.

Betriebliches Gesundheitsmanagement

Wie werden diese Angebote genutzt?

Die Angebote, die wir über unser Intranet bekannt machen, kommen sehr gut an. Dabei sind die Bedürfnisse je nach Berufsgruppe unterschiedlich. Pflegende haben beispielsweise über Mittag wenig Zeit und ruhen sich dann lieber aus, aber wer den ganzen Morgen im Büro sitzt, wird gerne das Angebot «Fit über Mittag» nutzen oder sich abends der Läufergruppe anschliessen. Wer körperlich arbeitet oder sowieso schon den ganzen Tag draussen ist, geht vielleicht eher ins Yoga, ins Pilates oder an eine Lesung in der Bibliothek.

Braucht es viel Überzeugungsarbeit, um Leiter solcher Programme zu rekrutieren?

Wer bei uns zum Beispiel als Sportlehrer arbeitet, findet diese Anforderung in seinem Stellenprofil bereits vor! Wir setzen natürlich auch auf Freiwilligkeit, was aber kein Problem darstellt. Viele Mitarbeitende haben ein Hobby, das sie gerne weitergeben, etwa Karate, Yoga oder Pilates. Das Angebot soll vielfältig und abwechslungsreich sein und viele dazu animieren, irgendwo «reinzuschnuppern» und schliesslich auch aktiv mitzumachen und so ihre Work-Life-Balance zu verbessern.

Ist das Label «Friendly Work Space» in den Köpfen der SPZ-Mitarbeitenden verankert?

Ja, und das lässt sich an einer Anekdote aufzeigen: Die Re-Zertifizierung für das Label findet – leider – ausschliesslich am Bürotisch statt und besteht aus sehr viel Papierkrieg. Ich habe die Assessoren 2017 gefragt, woher sie eigentlich wissen, dass das Label im SPZ bekannt ist und genutzt wird. Wir gingen dann auf die Korridore hinaus und haben Mitarbeitende befragt. Das Resultat war sehr erfreulich: Das Angebot ist bekannt und wird geschätzt. Man kann im wahrsten Sinne des Wortes von einem gelebten Spirit reden.

Schweizerisches Paraplegiger Zentrum SPZ, Nottwil

«Dem ‹Friendly Work Space› steht der wirtschaftliche Druck gegenüber.»

Aber mit Papier haben Sie nicht viel am Hut?

Nicht in diesem Fall. Ein Beispiel: Ich muss «auf dem Papier» belegen, dass die Geschäftsleitung in das Label eingebunden ist. Ich habe aber sehr kurze Dienstwege und ziehe die GL und den CEO direkt und im Gespräch mit ein, ohne dass ich das in jedem Fall noch protokolliere. Der Punkt «Dokumentation» wurde deshalb von den Assessoren bei der Re-Zertifizierung kritisiert. Aber überall, wo es nicht ums Papier, sondern um die Menschen geht, schneiden wir sehr gut ab.

Wie nehmen die Patienten das Label wahr?

Von Patienten, die aus anderen Spitälern zu uns verlegt wurden, habe ich schon Aussagen gehört wie: «Hier haben es die Angestellten gut, sie dürfen auch mal Pause machen.» Es gibt Mitarbeitende, die uns verlassen haben und wieder zurückkommen. Sie berichten davon, dass sie die guten Arbeitsbedingungen und das gute Arbeitsklima vermisst und sich deshalb für eine Rückkehr entschieden haben. Aber natürlich hat sich auch bei uns die Welt im Vergleich zu früher verändert. Man darf nicht vergessen, dass wir nicht mehr das kleine Spital mit 200 Mitarbeitenden sind, sondern eine Gruppe mit über 1600 Mitarbeitenden in und ausserhalb von Nottwil. Dem «Friendly Work Space» steht heute der wirtschaftliche Druck gegenüber. Dieses Spannungsfeld wird unterschiedlich wahrgenommen. So gibt es altgediente Mitarbeitende, die sich nur noch als «eine oder einer unter vielen» sehen und Reha-Patienten, die finden, früher sei alles besser gewesen.

Würden Sie das Label jedem KMU unbedingt empfehlen?

Uns gibt das Label eine Struktur vor und es fördert die Innovation innerhalb des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Durch das Label und die Re-Zertifizierung sind wir gezwungen, uns immer wieder zu überprüfen. Diese Überprüfung könnte aber durchaus auch über das interne Qualitätsmanagement sichergestellt werden. Letztlich kommt es wohl auf die Unternehmensgrösse an. Einem Kleinbetrieb würde ich das Label weniger empfehlen. Dort ist es aus meiner Sicht wichtiger, dass der Chef seine Führungsverantwortung wahrnimmt, aufmerksam ist, die Angestellten wertschätzt und ernst nimmt. Er soll sie fordern und fördern und auch ab und zu grosszügig sein und den Mitarbeitenden Kurse mitfinanzieren, damit sie marktfähig bleiben. Dann macht er, so glaube ich, schon vieles richtig.

Fotos: swissphotoworld, Paul Haller

Zur Person

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Manuela Schär

Manuela Schär ist im Schweizer Paraplegiker-Zentrum SPZ HR-Verantwortliche für den Bereich Dienste und betriebliche Gesundheitsmanagerin. In ihren Verantwortungsbereich fällt die Umsetzung des Labels «Friendly Work Space», das dem SPZ 2011 von der Gesundheitsförderung Schweiz verliehen wurde.

Im SPZ arbeitet Manuela Schär zu 60 Prozent. Daneben führt die Personalfachfrau, Mediatorin und Coach ihre eigene Beratungsfirma.

Manuela Schär ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. In ihrer Freizeit bikt sie und spielt Tennis sowie Volleyball.

Mail an Manuela Schär

Paraplegiker-Zentrum

Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum SPZ in Nottwil (paraplegie.ch) wurde 1975 von Guido A. Zäch gegründet und gehört zur Schweizer Paraplegiker-Gruppe. Sein Ziel: die Erstversorgung und ganzheitliche Rehabilitation von Querschnittgelähmten. Die grösste Klinik ihrer Art in Europa beschäftigt in Nottwil rund 1550 Personen, die 80 Berufsgattungen angehören: Neben 450 Pflegenden und 99 Ärzten gehören dazu beispielsweise Fahrzeugumbauer, Köche, Gärtner, IT-Spezialisten, Reinigungsfachkräfte, Architekten (spezialisiert auf Hausumbau), Therapeuten, Seelsorger und Sportlehrer. Von den 163 Betten waren 2018 durchschnittlich 146 belegt. Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum und die Schweizer Paraplegiker-Stiftung sind WIR-Teilnehmer (Annahmesatz: 3 Prozent).

SPZ Nottwil

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